Befreiungstheologie (Definition)

 

Unter den Begriff der Befreiungstheologie lassen sich heute verschiedene Richtungen der Theologie fassen, die den christlichen Glauben (bzgl. anderer Religionen vgl. unten *) aus der Perspektive ausgebeuteter Völker und Klassen (lateinamerikanische Befreiungstheologie), unterdrückter ethnischer Gruppen (z. B. schwarze Theologie) oder des diskriminierten Geschlechts (Feministische Theologie) interpretieren. Befreiungstheologie ist die kritische Reflexion verändernder Praxis im Lichte des Glaubens, welche inzwischen als die für die Dritte Welt spezifische Art Theologie zu treiben gesehen wird, auch wenn z. B. bei den theologischen Ansätzen der Schwarzen, Indianer und Latinos der USA die Dritte Welt in der Ersten liegt.

Der Entstehungszusammenhang der Befreiungstheologie ist sozio-politisch in den Entkolonialisierungsprozessen der 60er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zu sehen, die – obwohl sie oft schwer erkämpft wurden (vgl. F. Fanon: Die Verdammten dieser Erde) – nicht das Ende von Abhängigkeit und Ausbeutung bedeuteten. Die rasante Ausdehnung des Welthandels hatte in den Ländern der Peripherie trotz angeblicher Entwicklungshilfe (z. B. Allianz für den Fortschritt in Lateinamerika) eine massenhafte Verarmung der Bevölkerung als Begleiterscheinung, die heute oft wieder als internes Problem jener Länder interpretiert wird, aus der Sicht der verelendeten Mehrheiten der Weltbevölkerung jedoch nach wie vor in (neo-) kolonialer Kontinuität (vgl. Dependenztheorie) bzw. in der Zwangsjacke der neoliberalen Weltmärkte (vgl. Globalisierungskritik) steht.

Kirchlich-theologisch ist das Entstehen der Befreiungstheologie auf katholischer Seite wesentlich im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) zu sehen, das eine Öffnung zur Welt bewirkte und die weltweite Verantwortung der Gesamtkirche sowie die Bedeutung der Ortskirchen betonte.Auf evangelischer Seite steht die Entwicklung der Befreiungstheologie in der Tradition der ökumenischen Bewegung; ein wichtiger Anstoß war z. B. die »Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft« 1966 in Genf. Einfluss auf die Befreiungstheologie hatte nicht zuletzt auch die neue politische Theologie, wie sie vor allem von J. Moltmann und J. B. Metz entwickelt wurde.

Die spezifischen Ausprägungen der Befreiungstheologie zeigen die kulturelle Vielfalt und die weltkirchliche Bedeutung dieses theologischen Ansatzes.

In Lateinamerika wurden die oben genannten Anstöße von zahlreichen (aus pastoralen Notsituationen entstandenen) Basisgemeinden aufgegriffen. Der lateinamerikanische Episkopat bestätigte diese Praxis in seinen Beschlüssen von Medellin (1968) und Puebla (1979), indem er die durch Massenarmut und Abhängigkeit gekennzeichnete Situation seines Kontinents als »soziale Sünde« bezeichnete und sich die von Befreiungstheologen vertretene Option für die Armen zueigen machte. Den ersten theologischen Versuch einer Systematisierung der Thematik der Befreiung legte der Peruaner Gustavo Gutierrez vor (Theologie der Befreiung, München 1973).

In Asien sind die Christen (mit Ausnahme der Philippinen) eine Minderheit und stehen vor der Herausforderung der alten Religionen, die das kulturelle Denken prägen. Hier gilt es, nicht nur die Möglichkeiten des Dialogs, sondern auch der Zusammenarbeit auszubauen, wie es z. B. die Minjung-Theologie in Korea versucht, die als Befreiungstheologie die Bibel, die Geschichte und die Lebenswirklichkeit »von unten«, d. h. vom »Volke« (Minjung) aus, interpretiert.

In Afrika geht es der Befreiungstheologie besonders um die Rettung der kulturellen Traditionen, die von europäischem Kolonialismus und westlicher Zivilisation so stark bedroht sind, dass von einer »anthropologischen Armut« gesprochen wird, welche die Bevölkerung unterdrückt und von der es sich zu befreien gilt. Seinen extremsten Ausdruck fand diese Unterdrückung im Apartheidregime in Südafrika, das zwar 1994 eine erstaunliche Ablösung erfahren hat, dessen praktische Auswirkungen aber bis in die Gegenwart fortwirken. Hier wird auch die enge Verwandtschaft mit der in den USA vor allem von James H. Cone entwickelten »Schwarzen Theologie« deutlich, die eine intensive Auseinandersetzung mit der weißen europäischen und nordamerikanischen Theologie darstellt.

Die gemeinsamen Grundlagen und Perspektiven der Befreiungstheologie sind bei weitem größer als die genannten Unterschiede. Allen Ansätzen ist ihr Ursprung im Leid und in der Erniedrigung ihrer Völker ebenso gemeinsam wie ihre Entschlossenheit, gegen dieses Unrecht anzukämpfen. Verbindende Grundlage dafür ist die biblische Botschaft von der Befreiung, das Vertrauen auf den Gott des Lebens (im Gegensatz zu den Götzen des Geldes) und die Hoffnung auf das schon jetzt im Kommen begriffene Reich Gottes. Dieser Glaube hat den Vorrang der Orthopraxie vor der Orthodoxie und die Subjektwerdung der einzelnen Christen und Gemeinden zur Konsequenz.

Gemeinsam ist allen Ansätzen einer Befreiungstheologie auch die Aufhebung des westlichen Monopols auf Theologie und die Zulassung eines theologischen Pluralismus. Seinen Ausdruck findet dies vor allem in der Gründung der »Ökumenischen Vereinigung der Theologen der Dritten Welt« (EATWOT), welche seit Mitte der 70er Jahre gemeinsame Perspektiven zu erarbeiten versuchen.

Dabei zeichnen sich drei Schwerpunkte ab:

* Befreiung (von sozialer ebenso wie von individueller Sünde) bleibt das gemeinsame Thema und das zentrale Anliegen; wobei in jüngster Zeit verstärkt auch die Rolle der Frauen in diesem Befreiungsprozess in den Blick genommen wird.

* Als hauptsächliche Ursache der für die Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt katastrophalen Situation werden die dominierenden Strukturen des Weltmarktes und der Ressourcen verschlingende Lebensstil der Nutznießer des ökonomischen Status quo gesehen.

* Und schließlich wird aus einer ökumenisch verwurzelten Kirchlichkeit heraus das Gespräch mit den andern Religionen (vgl. Konzilstext „Nostra aetate“) gesucht, um einen Beitrag zum Frieden, zur Vertiefung des eigenen Glaubens, zur Wertschätzung der Vielfalt und zum Überleben der ganzen Schöpfung zu leisten.