Solidarität

Der für das Bemühen um ein menschengerechtes Zusammenleben stehende Begriff der Solidarität wird heute von vielen Menschen mit Skepsis betrachtet. Zu deutlich sind für viele die Erfahrungen von Entsolidarisierung im Alltag und zu unsicher ihre Zukunft. Die Erosion von Solidarität macht sich u.a. in neuen Tendenzen der Ausgrenzung und der mit einer radikalisierten Moderne verbundenen Krisen bemerkbar.

Dabei gehören Modernität und Solidarität von Beginn forcierter Modernisierungsprozesse an auf erkennbare Weise zusammen. Der Begriff der Solidarität gewann seine Bedeutung im Kontext der entstehenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhundert. Zunächst nur juristisch gebraucht (in solidum obligari = für das Ganze haften) und von französischen Sozialreformern wie H. Renaud (erstes Buch mit dem Titel solidarité) 1848 als Synonym für Brüderlichkeit neben Freiheit und Gleichheit ins Erbe der Französischen Revolution gestellt, wurde Solidarität bald zum Leitwort der Arbeiterbewegung, die sich nach dem Zerfall alter Solidaritäts-Zusammenhänge (wie großfamiliärer Einbindungen) neue Sicherheiten suchen musste.

Ähnlich wie im französischen Solidarismus Ch. Gide`s machte sich vor allem F. Lasalle unter dem Programmwort der Solidarität für freie Assoziationen und Produktivgenossenschaften (die oft sogar den Namen Solidarität trugen) stark. Für E. Bernstein hat innerhalb der Arbeiterbewegung keine Idee stärkere Kraft entfaltet, als die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Solidaritäts-Ausübung. Auch der Anarchismus, vor allem aber der religiöse Sozialismus stützten sich auf den Solidaritäts-Begriff.

In der katholischen Soziallehre wird Solidarität zusammen mit Personalität, Gemeinwohl und Subsidiarität zu den sozialphilosophischen Prinzipien gezählt und drückt die in der menschlichen Natur seinshaft begründete Wechselbeziehung von Person und Gesellschaft aus. Diesen Grundsatz hat H. Pesch unter dem Begriff Solidarismus ausgebaut und O. von Nell-Breuning u.a. haben das Prinzip der Solidarität in der kirchlichen Sozialverkündigung verankert. Im Unterschied zu diesem ontologischen Begriff von Solidarität, der auf der Grundlage eines relativ statischen Naturrechtsdenkens vom Sein auf das Sollen schloss, bezog 1961 die Enzyklika Pacem in terris von Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil den geschichtlichen und sozialen Kontext mit ein und sprach u.a. von weltweiter Solidarität und Verantwortung (GS 57).

Diese weltweite Dimension von Solidarität wurde in der Enzyklika Populorum progressio noch weiter ausgebaut und durch Johannes Paul II., dem Förderer der polnischen Arbeiterbewegung Solidarnosc, 1987 in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis zum Brennpunkt päpstlicher Sozialverkündigung. Solidarität wird dort bezeichnet als „feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‚Gemeinwohl‘ einzusetzen“ (SRS 38). Indem gleichzeitig von Strukturen der Sünde gesprochen wird, die dieser Haltung und einer sich daraus ergebenden Option für die Armen entgegenstehen, hat dieser Text eine gewisse Nähe zur Theologie der Befreiung, die dieser Papst (und dessen Nachfolger) allerdings ansonsten entschieden ablehnte. Eine theologische und ethische Ausweitung erfährt der Begriff der universalen Solidarität, wo er anamnetisch auf die Opfer der Geschichte und antizipatorisch auf zukünftige Generationen bezogen wird (v.Brachel/Mette 1985).

Im Glaubensbekenntnis der Würzburger Synode „Unsere Hoffnung“ wird im Teil III „Wege in die Nachfolge“ ein solidarisches Eintreten für die Armen und Schwachen als konstitutiver Glaubensinhalt formuliert . Das 1997 von der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam veröffentlichte Sozialwort „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ nennt als Quelle der Solidarität im christlichen Glauben die erinnerte und erzählte Geschichte vom Erbarmen Gottes, das „zur barmherzigen und solidarischen Zuwendung zu den Armen, Schwachen und Benachteiligten“ motiviert (Nr. 96). Jesu Botschaft wird als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung des Lebens für die Armen, Kleinen und Gewaltlosen gesehen. „Er ist selbst den Weg der Solidarität, der Barmherzigkeit und der Gewaltlosigkeit gegangen.“ (99) Der Einsatz für Solidarität gehöre zu den konstitutiven Merkmalen der Kirche (101), da „die Entscheidung über die endgültige Gottesgemeinschaft der Menschen abhängig [ist] von der gelebten Solidarität mit den Geringsten“ (106).
In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium schreibt Papst Franziskus, das Wort „Solidarität“ habe sich ein wenig abgenutzt und werde manchmal falsch interpretiert. Es erfordere mehr als einige gelegentliche großherzige Taten, nämlich eine neue Mentalität, „die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt“ (Nr. 188). Solidarität sei eine spontane Reaktion dessen, der die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung der Güter – die älter seien als der Privatbesitz – als Wirklichkeiten erkennt. Weil sich das Hüten und Mehren privaten Besitzes nur dadurch rechtfertige, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen, „deshalb muss die Solidarität als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht (189).

Nach Meinung von J. Habermas, der Solidarität als „das Andere der Gerechtigkeit“ bezeichnet, kann es für zukünftige Generationen im strengen Sinn des Wortes keine Solidarität, sondern nur Verantwortung geben, da Solidarität mit anderen Subjekten nur möglich ist, wenn auch jene sich für diese selbst einsetzen. Für R. Rorty ist Solidarität das einzig verbleibende Prinzip einer aufgeklärten Moral; er versteht darunter das Mitgefühl mit Subjekten, mit denen man sich einem „Wir“ zugehörig fühlt.

Freiwillig gewählte Gruppenzugehörigkeit – darin stimmen die meisten Sozialwissenschaftler überein – spielt in unserer vom Individualismus wesentlich gekennzeichneten Zeit, in der traditionelle Solidarität-Formen obsolet geworden sind, eine bedeutende Rolle. Allerdings müssen solche biographiebegleitenden Wahl-Solidarität in stärkerem Maße als früher von einzelnen selbst gesucht werden, haben voraussetzungsvolle Leistungsanforderungen und sind mit einem erhöhten Risiko des Scheiterns behaftet (Gabriel 1997, 167). Gleichzeitig ist in der radikalisierten Moderne ein Bewusstsein für eine soziale Ortlosigkeit und für Risiken und Gefährdungen (z.B. in der globalen Ökologie) gewachsen, das heute tendenziell die Lebenssituation aller ergreift und Ausgangspunkt der Ausweitung von Solidarität werden kann (Höhn 1998). Diese neuen Formen von Solidarität haben z.T. den Charakter von Zwangs-Solidarität (was die generellen Überlebenschancen angeht), sind aber vor allem durch ihre empathische Freiwilligkeit geprägt. „Selbstgewählte Gruppen und ihre Netzwerke bilden die Sozialform der neuen Solidarität. Sie sind in der Lage, den riskant und unsicher bleibenden solidaritätsbezogenen Identitätsentwürfen die notwendige soziale Bestätigung und Anerkennung zu geben“ (Gabriel 1997, 168).

In diesem Zusammenhang hat auch der mit der katholischen Soziallehre besonders verbundene Gedanke der Subsidiarität seine Bedeutung: zum einen als Verantwortungsfähigkeit und Verantwortungs-Freiraum für den einzelnen und die selbstgewählten Gruppen, zum andern aber auch bezüglich der Hilfe und der Rahmenbedingungen, die ihnen dafür zur Verfügung gestellt werden müssen. Dieser zweite Aspekt, auf den O.von Nell-Breuning immer wieder hingewiesen hat, wird heute oft übersehen.

Wenn man die Freiwilligkeit neuer Solidaritäts-Formen und ihre Netzwerke ernst nimmt und wenn man gleichzeitig ein menschenwürdiges Leben für alle gewährleisten will, reicht Solidarität als gesellschaftliche Steuerungsressource, die personenbezogen und an kurze Handlungsketten gebunden ist, nicht aus, sondern bedarf gesellschaftlich institutionalisierter Formen der Solidarität. Es ist u.a. ein Verdienst des Sozialworts der Kirchen „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, dass die Notwendigkeit des Sozialstaats unterstrichen und gleichzeitig die Bedeutung einer zu erneuernden Kultur der Netzwerke von Solidarität nicht verkannt wird (Nr. 121). Beim „Umbau des Sozialstaats wird es darum gehen, die neuen Formen spontaner Solidarität zu fördern und im Verbund mit organisierten und professionellen Formen der Solidarität in eine Struktur einzubinden, die der Solidaritätsblindheit des Marktes wirksame Grenzen abringt“ (Gabriel 1996, 400).

Literatur:

– Edmund Arens, Internationale, ekklesiale und universale Solidarität, Orientierung 53 (1989) 216-220.
– Kurt Bayertz (Hg.), Solidarität. Begriff und Problem, Frankfurt a.M. 1998.
– Hans-Ulrich v. Brachel und Norbert Mette (Hg.), Kommunikation und Solidarität. Beiträge zur Diskussion des handlungstheoretischen Ansatzes von Helmut Peukert in Theologie und Sozialwissenschaften, Freiburg (Schweiz) u.a. 1985.
– Evangelii gaudium. Apostolisches Schreiben des Heiligen Vaters Papst Franziskus über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 194, hrsg. Vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2013.
– Karl Gabriel, Krise der Solidarität. Der Konflikt um den Sozialstaat und die christliche Gesellschaftsethik, StdZ 121 (1996) 393-402.
– Ders., Systeme und Netze der Solidarität in einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Zum pluralen Solidaritätsverständnis des Worts der Kirchen, in: Ders. und Werner Krämer (Hg.), Kirchen im gesellschaftlichen Konflikt. Der Konsultationsprozeß und das Sozialwort Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Münster 1997, 159-173.
– Konrad Hilpert, Art. Solidarität, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe 5 (21991) 68-75.
– Hans-Joachim Höhn, Solidarische Individualität? Zur Dialektik gesellschaftlicher Individualisierung, in: Andreas Fritsche und Manfred Kwirau (Hg.), Der Mensch, München 1998, 88-116.
– Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland / Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Hannover, Bonn 1997
– Horst Eberhard Richter, Lernziel Solidarität, Reinbek 1979.
– Hermann Steinkamp, Solidarität und Parteilichkeit. Für eine neue Praxis in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994.
– A. Wildt, Art. Solidarität, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 9 (1995) 1004-1015.
– Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit, in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Offizielle Gesamtausgabe I, hg. von L.Bertsch u.a., Freiburg/ Basel/ Wien 1976, 71-111, Nr. III.2

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